Eine Wanderung im Oberen Mittelrheintal, Mai 2009

Manchmal gibt es im Leben Ereignisse, die einen regelrecht aus der Bahn werfen. Situationen, in denen man feststellt, dass Dinge, die man bislang für selbstverständlich gehalten hat, plötzlich nicht mehr selbstverständlich sind.
Im Mai 2009 befand ich mich in einer solchen Lebensphase. Es hatte sich eine Zäsur ergeben, die mich zwang, einiges neu zu überdenken und mich zunächst einmal selbst wieder zu sortieren.
Was also tun?
Ich entschied mich für eine kleine Auszeit und fuhr für ein Wochenende ins Obere Mittelrheintal. Mein Ziel war die Gegend rund um Kestert, unweit der Loreley und des bekannten Städtchens St. Goarshausen.






Die Region war mir nicht ganz unbekannt. Bei einem früheren Besuch eines Festivals auf der Loreley-Freilichtbühne hatte ich bereits Gelegenheit gehabt, die Gegend kennenzulernen.
Damals hatten wir in der Jugendherberge in St. Goar übernachtet, auf der gegenüberliegenden, linken Rheinseite. Ich erinnere mich noch gut an die Überfahrt mit der Rheinfähre zwischen St. Goar und St. Goarshausen. Eine eigentlich banale Angelegenheit, die angesichts der beeindruckenden Landschaft mit ihren steilen Hängen und Burgen aber durchaus ihren eigenen Reiz hatte.
Seit Jahrzehnten wird in der Region immer wieder über den Bau einer Mittelrheinbrücke diskutiert, die beide Rheinseiten dauerhaft miteinander verbinden soll. Ein Vorhaben, das verständlicherweise nicht nur Befürworter findet. Schließlich stand zeitweise sogar die Frage im Raum, inwieweit ein solches Bauwerk den Status des Oberen Mittelrheintals als UNESCO Weltkulturerbe gefährden könnte.






Bis heute ist die Brücke nicht gebaut worden. Und irgendwie gefällt mir der Gedanke, dass die gute alte Rheinfähre nach wie vor zwischen St. Goar und St. Goarshausen verkehrt. Sicherlich mag eine Brücke aus verkehrspolitischer Sicht Vorteile bieten. Aber nicht jede technische Errungenschaft muss zwangsläufig auch eine Bereicherung für eine historisch gewachsene Kulturlandschaft sein.





Diesmal ging es allerdings nicht um Musik oder verkehrspolitische Überlegungen, sondern darum, ein wenig Abstand vom Alltag und vor allem von den eigenen Gedanken zu gewinnen.
Unterwegs zwischen Rhein und Höhenzügen
Meine Unterkunft befand sich in Kestert, einem kleinen Ort unmittelbar am Rhein, der sich zwischen den steilen Hängen des Mittelrheintals und der Bahnstrecke entlang des Flusses erstreckt.






Von dort aus ging es auf die Wanderwege der Umgebung, unter anderem durch Lykershausen.
Der kleine Ort machte auf mich einen ausgesprochen idyllischen, stellenweise aber auch recht urigen Eindruck. Manche Ecken wirkten, als sei die Zeit dort irgendwann stehen geblieben.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das alte Gebäude der Georg Klein OHG, das sich irgendwie in dieses Bild einer vergangenen Zeit einfügte.




Überhaupt besitzt die Region einen ganz eigenen Charme. Kleine Ortschaften, alte Häuser, Weinberge und immer wieder beeindruckende Ausblicke auf den Rhein, der sich tief unten durch das Tal schlängelt.




Dazwischen die Bahnstrecken der Deutschen Bahn, auf denen sich Güter- und Personenzüge ihren Weg entlang des Flusses bahnen. Ein reizvoller Gegensatz zwischen jahrhundertealter Kulturlandschaft und moderner Verkehrsinfrastruktur.
Nicht ohne Grund gehört das Obere Mittelrheintal seit 2002 zum UNESCO Weltkulturerbe. Die einzigartige Verbindung aus steilen Weinbergen, mittelalterlichen Burgen, historischen Ortschaften und dem tief eingeschnittenen Rheintal macht diese Landschaft zu etwas Besonderem.
Über Jahrhunderte hinweg haben der Fluss, die Schifffahrt, der Weinbau und der Handel diese Region geprägt. Kaum irgendwo sonst in Deutschland begegnen sich Natur und Geschichte auf so engem Raum.




Dabei sind es nicht unbedingt nur die bekannten Sehenswürdigkeiten wie die Loreley oder die zahlreichen Burgen, die den Reiz ausmachen. Manchmal genügt schon der Blick von einem Wanderweg hinunter auf den Rhein, auf die kleinen Ortschaften und die vorbeiziehenden Züge, um zu verstehen, weshalb diese Landschaft seit Generationen Menschen fasziniert.
Rauf, runter – und den Kopf freibekommen
Wer schon einmal auf dem Rheinsteig unterwegs war, weiß, dass die Strecke mit einem gemütlichen Spaziergang entlang des Rheinufers wenig gemeinsam hat.






Es geht ordentlich bergauf und bergab.
Damals dürfte ich gut 25 Kilogramm mehr auf die Waage gebracht haben als heute, was die Sache nicht unbedingt erleichterte. Die Anstiege verlangten mir entsprechend einiges ab.
Aber genau das war vermutlich auch der Sinn der Übung.
Während man sich einen Hang hinaufarbeitet, die Beine langsam schwer werden und der Puls steigt, bleibt erstaunlich wenig Raum, um sich ständig mit den Problemen des Alltags zu beschäftigen.
Und wenn man schließlich wieder einen Aussichtspunkt erreicht, tief durchatmet und den Blick über das Rheintal schweifen lässt, relativiert sich manches zumindest für einen Augenblick.
Die Bewegung, die Landschaft und die körperliche Anstrengung taten mir gut.
Rückblickend war es eine ausgesprochen richtige Entscheidung, dieses Wochenende nicht grübelnd zu Hause zu verbringen, sondern mich auf den Weg zu machen.





Ein Wochenende zwischen zwei Lebensabschnitten
Als ich schließlich wieder nach Hause zurückkehrte, wartete dort gewissermaßen der Schlusspunkt eines Lebensabschnitts.
Ich musste noch mit ansehen, wie sechs gemeinsame Jahre, ohne ein weiteres Wort, in einem Auto Platz nahmen und davonfuhren.
So schnell kann es manchmal gehen.
Das mag sich heute beinahe wie eine Szene aus einem schlechten Film anhören. Damals war mir allerdings verständlicherweise nicht besonders nach Lachen zumute.
Im Rückblick gehört auch das zu jenen Erfahrungen, die einen Menschen prägen und seine Sicht auf manche Dinge nachhaltig verändern.
Vielleicht war diese Wanderung deshalb mehr als nur eine willkommene Ablenkung. Vielleicht war sie bereits der erste kleine Schritt in einen neuen Lebensabschnitt, auch wenn mir das seinerzeit noch gar nicht bewusst war.
Geblieben sind jedenfalls die Erinnerungen an ein schönes Wochenende in einer der reizvollsten Landschaften Deutschlands.
Und die Erkenntnis, dass es manchmal ausgesprochen hilfreich sein kann, einfach loszugehen, einen Fuß vor den anderen zu setzen und sich darauf zu konzentrieren, den nächsten Anstieg zu bewältigen.
Nicht jeder Weg führt dorthin, wo man ursprünglich hinwollte. Aber manchmal ist genau das sein größter Wert.

