Ende Juli bis Anfang August 2005
Es gibt Reiseziele, von denen man schon viel gehört und unzählige Bilder gesehen hat, ohne selbst jemals dort gewesen zu sein. Der Gardasee gehörte für mich lange Zeit dazu. Meine Eltern hatten die Region bereits während einer gemeinsamen Reise mit meiner Tante und meinem Onkel besucht. Ihre Erzählungen hatten mich neugierig gemacht.
Im Sommer 2005 sollte es schließlich so weit sein. Gemeinsam mit meiner damaligen Partnerin machte ich mich Ende Juli auf den Weg nach Norditalien. Die Anreise erfolgte auf eine Weise, die heute beinahe etwas Nostalgisches hat: mit dem Nachtzug durch die Schweiz nach Mailand und von dort aus mit dem Bus weiter nach Riva del Garda, ganz im Norden des Sees.

Ein Zelt im Olivenhain
Unsere Unterkunft war der Campingplatz Monte Brione. Statt eines Hotelzimmers erwartete uns ein Stellplatz inmitten eines Olivenhains. Unser Tunnelzelt, vermutlich von Tatonka, bot ausreichend Platz für zwei Personen und erwies sich als erstaunlich komfortabel. Die Umgebung war derart idyllisch, dass ich mich sogar zum Zeichnen hinreißen ließ – obwohl mir die entsprechende Begabung eigentlich fehlt. Das Ergebnis ist erhalten geblieben. Ob man es als Kunst bezeichnen möchte, sei dahingestellt. 😉




Überhaupt faszinierte mich die Natur. Immer wieder entdeckte ich Insekten und andere kleine Tiere, die ich aus unserer Heimat in dieser Form nicht kannte. Gelegentlich begegneten uns auch kleine Schlangen oder möglicherweise Schleichen. Es gab also schon rund um unseren Zeltplatz einiges zu entdecken.









Zwischen Riva, Torbole und Arco
Riva del Garda erwies sich als guter Ausgangspunkt. Wir erkundeten Torbole und das etwas weiter im Landesinneren gelegene Arco, wo mich insbesondere die steilen Felsformationen rund um den Monte Colodri beeindruckten. Ich war zuvor noch nie wirklich in den Bergen gewesen. Entsprechend ungewöhnlich fand ich die schroffen Felswände und die Höhenunterschiede.





Daneben entwickelte ich offenbar ein gewisses Interesse an technischen Bauwerken. Besonders faszinierte mich ein Hang mit regelmäßig angeordneten, kreuzförmigen Verstrebungen: ein ERDOX-System zur Sicherung des Hanges. Auch die gewaltigen Druckrohrleitungen, durch die Wasser aus höheren Lagen zur Energiegewinnung talwärts geführt wird, erregten meine Aufmerksamkeit. Während andere Urlauber vermutlich vor allem die Aussicht festhielten, fotografierte ich also gelegentlich Hangbefestigungen und wasserbauliche Anlagen. Man muss eben Prioritäten setzen. 😉





Monte Baldo – mein erster Eindruck von der Bergwelt
Zu den eindrucksvollsten Erlebnissen gehörte der Ausflug auf den Monte Baldo. Während unten am See hochsommerliche Temperaturen um die 30 Grad herrschten, waren es oben gefühlt nur noch etwa 20 Grad. Im Wind konnte man schon leicht frieren. Ein Temperaturunterschied von ungefähr zehn Grad – für jemanden, der bislang wenig Erfahrung mit Bergen hatte, durchaus bemerkenswert.
Auch die Seilbahn mit ihrer Bergstation war beeindruckend. Die Aufnahmen davon gehören natürlich zu diesem Ausflug auf den Monte Baldo – nicht zu Arco.


Noch beeindruckender war die Aussicht. Von oben eröffnete sich ein großartiger Blick auf den Gardasee, der sich tief unter uns zwischen den Bergen erstreckte. Erst aus dieser Perspektive bekam ich eine Vorstellung davon, wie gewaltig die Landschaft tatsächlich ist.













Mit dem Schiff von Ort zu Ort
Eine besonders angenehme Möglichkeit, den Gardasee kennenzulernen, waren die Schiffsverbindungen zwischen den Orten. Wir nutzten sie mehrfach, unter anderem für Ausflüge nach Malcesine am Ostufer und Limone sul Garda auf der gegenüberliegenden Seite. Gerade vom Wasser aus boten sich schöne Perspektiven auf die kleinen Ortschaften, deren Häuser sich zwischen Seeufer und steilen Berghängen zusammendrängen.










Verona – Geschichte, Kunst und große Gefühle
Ein weiterer Höhepunkt war ein Ausflug nach Verona. Die Stadt beeindruckte mich mit ihrer Architektur, den prachtvollen Fassaden und den zahlreichen Kunstwerken. Natürlich durfte die Arena di Verona nicht fehlen. Das römische Amphitheater vermittelt noch heute einen Eindruck von der Bedeutung der Stadt in der Antike.

Besonders reizvoll fand ich die Piazza delle Erbe mit ihrem Markt und den kunstvoll bemalten und verzierten Hausfassaden. Auch die Piazza dei Signori stand auf dem Programm. Dort erinnert eine Statue an Dante Alighieri, einen der bedeutendsten Dichter Italiens. Überhaupt begegnet man in Verona auf Schritt und Tritt Denkmälern, Skulpturen und historischen Grabmälern.




Besonders in Erinnerung blieb mir die Darstellung eines Ritters hoch zu Ross, mit Schwert und auffälligem Helm mit Flügeln: Cangrande I della Scala, dessen Grabmal zu den berühmten Arche Scaligere gehört. Geschichte begegnet einem in Verona eben nicht nur in Museen, sondern mitten im Stadtbild.
Und natürlich waren wir am berühmten Balkon der Julia. Ob Romeo dort tatsächlich jemals gestanden hat, darf man angesichts seines literarischen Ursprungs getrost bezweifeln. Die Besucher ließen sich davon nicht beeindrucken. Im Innenhof stand die bekannte Bronzestatue der Julia, und an den Wänden hatten sich zahlreiche Liebespaare mit Namen und Botschaften verewigt. Wir bildeten da keine Ausnahme. Ob unsere kleine Spur dort heute noch zu finden ist, weiß ich nicht.




Die Wasserfälle von Varone
Zu den eindrucksvollen Naturerlebnissen gehörte auch der Besuch der Wasserfälle von Varone bei Riva del Garda. Hier hat sich das Wasser über lange Zeit durch den Fels gearbeitet und eine enge Schlucht geschaffen. Der Kontrast zwischen der sommerlichen Wärme draußen und der feuchten, kühlen Atmosphäre im Inneren war bemerkenswert – und angesichts der Wassermassen gelegentlich auch ziemlich laut.




Das Vittoriale – ein ungewöhnliches Denkmal
Einen ganz anderen Eindruck hinterließ unser Besuch des Vittoriale degli Italiani in Gardone Riviera. Die weitläufige Anlage war einst der Wohnsitz des Schriftstellers Gabriele D’Annunzio und ist eine bemerkenswerte Mischung aus Wohnhaus, Parkanlage, Museum und monumentaler Selbstdarstellung. Überall begegnet man kunstvollen Details, Statuen und Inschriften.




Auch eine Säule beziehungsweise ein Fahnenmast mit der Inschrift „Laudata sia nello eccelso“ blieb auf unseren Fotos erhalten. Das Vittoriale wirkt stellenweise beinahe überladen, bietet aber gerade deshalb viel zu entdecken. Zugleich ist es untrennbar mit einer politisch schwierigen Epoche der italienischen Geschichte verbunden – ein Ort, den man durchaus bestaunen kann, ohne die Weltanschauung seines einstigen Bewohners teilen zu müssen.
Italienische Gassen und kleine Entdeckungen
Neben den größeren Ausflügen waren es häufig die scheinbar unspektakulären Eindrücke, die den Aufenthalt besonders machten: enge Gassen, farbige Hausfassaden, kleine Geschäfte, Restaurants und Cafés in Riva del Garda. Auf einem Foto entdeckte ich später beispielsweise das Hotel Ristorante Cervo. Auch das Ristorante Al Volt taucht in meinen Erinnerungen an die Altstadt auf.




Solche Bilder entwickeln nach vielen Jahren einen besonderen Reiz. Nicht unbedingt, weil sie spektakuläre Sehenswürdigkeiten zeigen, sondern weil sie etwas von der damaligen Atmosphäre bewahren. Man erinnert sich an die Wärme, das Treiben in den Straßen, an das Wasser und die Berge, die eigentlich immer irgendwo im Hintergrund zu sehen waren.


Eine Reise, die in Erinnerung blieb
Unsere erste Reise an den Gardasee war eine ausgesprochen abwechslungsreiche Mischung aus Natur, Geschichte, Technik und italienischer Lebensart. Wir erkundeten malerische Ortschaften, fuhren mit dem Schiff über den See, besuchten Verona, entdeckten ungewöhnliche Tiere und staunten über eine Bergwelt, die mir bis dahin weitgehend unbekannt gewesen war. Und am Ende des Tages kehrten wir in unser Tunnelzelt zwischen den Olivenbäumen zurück.
Wenn ich mir heute die Bilder von damals ansehe, fallen mir nicht nur die schönen Orte auf, sondern auch die Kleinigkeiten, die ich seinerzeit offenbar für fotografierenswert hielt: Steinschlagsicherungen, Druckrohrleitungen, Insekten, Hausfassaden und sogar meine eigenen Zeichenversuche. Vielleicht liegt gerade darin der Wert solcher alten Reiseaufnahmen. Sie zeigen nicht nur, wo man gewesen ist, sondern auch, was einen damals interessiert und beeindruckt hat.
Offenbar hatte uns die Mischung aus mediterraner Lebensart, beeindruckender Bergwelt und italienischem Charme jedenfalls so gut gefallen, dass wir bereits im folgenden Jahr zurückkehrten. Doch davon erzähle ich im nächsten Reisebericht. 😉


















